| Geburtsdatum | 05.07.2002 |
|---|---|
| Alter | 24 |
| Nat. |
Deutschland |
| Größe | 1,92m |
| Vertrag bis | 30.06.2029 |
| Position | Offensives Mittelfeld |
| Fuß | rechts |
| Akt. Verein | FC Everton |
Leistungsdaten: 26/27
| Wettbewerb | wettbewerb | ||||
|---|---|---|---|---|---|
| Insgesamt | 1 | - | - | ||
![]() | Premier League | 1 | - | - | |
Merlin Röhl [34]
17.08.2022 - 15:38 Uhr
15.06.2025 - 20:09 Uhr
Ich glaube nicht laut Ticker:
20:06 Uhr Bei Deutschland fehlt im Kader weiterhin der Freiburger Röhl. "Da hoffen wir stark, dass er gegen England wieder fit ist", sagte Antonio Di Salvo auf der Pressekonferenz vor dem Spiel.
20:06 Uhr Bei Deutschland fehlt im Kader weiterhin der Freiburger Röhl. "Da hoffen wir stark, dass er gegen England wieder fit ist", sagte Antonio Di Salvo auf der Pressekonferenz vor dem Spiel.
15.06.2025 - 20:11 Uhr
Zitat von EssZehEff
Auch gerade gelesen und gefreut! Zum Glück keine größere Verletzung.
Zitat von Scf_forever190
Laut Kicker Aufstellung gegen Tschechien ist Röhl wieder im Kader auf der Bank.
Laut Kicker Aufstellung gegen Tschechien ist Röhl wieder im Kader auf der Bank.
Auch gerade gelesen und gefreut! Zum Glück keine größere Verletzung.
In der kicker App ist Röhl gar nicht dabei.
Es heisst das man hofft das er gegen England wieder fit ist.
15.06.2025 - 20:16 Uhr
Im Text steht dass er noch fehlt…
Aber wir werden es ja gleich sehen können
Aber wir werden es ja gleich sehen können
15.06.2025 - 21:00 Uhr
Auf der Bank! 😉👍
15.06.2025 - 21:01 Uhr
Also bei der Offiziellen Uefa Aufstellung sitzt Röhl auf der Bank.
23.06.2025 - 10:51 Uhr
Freue mich sehr für Merlin, er hatte viel Pech diese Saison, er kann wirklich ein Unterschiedsspieler sein. Ich hoffe, er und Manzambi schaffen den Durchbruch in der nächsten Saison
01.09.2025 - 14:31 Uhr
Dieser Artikel erschien in einer ersten Version um 10:44 Uhr und wurde später mit neuen Information zu Merlin Röhl und dem FC Everton im vierten und fünften Absatz ergänzt.
02.09.2025 - 17:13 Uhr
Hommage an Röhl
Es zählt zu den eigentümlichen Irrungen des Schicksals, dass Merlin Röhl Fußballer geworden ist. Ein junger Mann, dessen Auftreten und Körpersprache außerhalb des Fußballplatzes, dessen Sensibilität in Wort und Geist ihn wie jemanden wirken lassen, der sich hauptberuflich mit Kunst- und Literaturbewegungen des Fin de Siècle befasst. Röhl könnte auch easy als eines dieser freundlich-nachdenklichen Emo-Kids in der peer group meiner Tochter durchgehen, die sich gern ihre lockigen Haare aus dem Gesicht streichen, während sie Vorträge über Selbstfindung oder Kapitalismus halten. Aber Profifußballer?
Obwohl ich mich beruflich viel mit Datenerhebung, Analyse und Statistiken dieses Sports beschäftigt habe, galt meine Faszination schon in der Kindheit immer dem Fußball als soziokulturellem Phänomen; wie Menschen innerhalb dieses Kosmos agieren, wie sie sprechen, welche Rolle sie einnehmen. Wie der Profifußball auf verschiedenen Ebenen in die Gesellschaft hineinwirkt, ein sich im Verlauf der Jahrzehnte veränderndes Verständnis von Männlichkeit und Oberlippenbärtchen; wie Trikots von Estudiantes, Colo-Colo oder Independiente unser Modeverständnis beeinflussen, wie Einzelpersonen wie Louis van Gaal oder Giovanni Trapattoni als Ausländer nachhaltig die deutsche Sprache prägen.
Ich bilde mir ein, das Milieu gut zu kennen. Erlebte in den Redaktionen deren Protagonisten wie Lothar Matthäus, wie sie Mitte 50 mit ihrer 21-jährigen balkanstämmigen Freundin interagieren. Im Smalltalk mit den beiden erkannte man zwei Personen, die keine gemeinsame zwischenmenschliche Ebene hatten, keinerlei Gesprächsinhalte. Er, fasziniert von statistischen Auffälligkeiten der portugiesischen 1. Liga, an der ich gerade arbeitete; Sie, angeödet von allem, was mit Fußball zu tun hat.
Als Lothar auf eine Excel-Tabelle auf meinem Monitor wies, Fränkisch-Englisch jubilierend „Look, honey! How exciting!“, Sie als Antwort die Augen verdrehend „jaja okay, very interesting, can we go now?“. Obwohl jeder Anwesende unmittelbar begriff, dass es für eine fast noch Jugendliche nichts langweiligeres geben kann als Fußballstatistiken, Lothar didn't get the memo. Zwei sich selbst und einander fremde Menschen, jeder auf seine Weise gefangen in dieser raumgreifenden Leere des Profifußballs, gleichsam als finanzielle Profiteure.
Dieser kulturellen Peripherie galt mein Interesse in meinen 20er, 30er Jahren, als ich mich noch viel mit Fußball beschäftigte.
Aber noch nie, wirklich noch nie habe ich im deutschen Fußball einen wie Merlin Röhl gesehen. Auch nicht Thomas Broich, dem durch seine Lektüre von Dostojewski oder Hesse eine Intellektualität zugeschrieben wurde, eher von außen aufoktroyiert als selbst gewollt.
Röhl ist die personifizierte Antithese des Fußballers. Einer, der im (verlinkten) Interview die Beine übereinander schlägt und über Fragen sinniert, als würde er sich im nächsten Augenblick eine Baskenmütze aufziehen und eine Gauloise anstecken.
Ohne mich für die Länge zu entschuldigen, gehe ich in diesem Beitrag einmal auf Details ein, wissend, dass in einem Fußballforum bestehend zu 99% aus Männern mancher sich an feministischen usw. Inhalten stören wird. Diejenigen werden meinen Post im Röhl-Thread aber ignorieren können, zumal er ohnehin keinen Informationsgehalt hat.
https://www.ardmediathek.de/video/dein-scf/166-was-passiert-nach-dem-tod-merlin-roehl/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyNjIxMTk
Ab Minute 7:20 beginnt das gemeinte Interview mit Röhl. Die Aufgeschlossenheit seinem Gegenüber, en passant mit weicher, warmer Stimme auf metaphysische Fragen wie Liebe oder das Leben nach dem Tod antwortend. Damit macht sich ein junger Mensch angreifbar im Kosmos Profifußball als einer der letzten Bastionen distinktiver Maskulinität. In der sich in über einem halben Jahrhundert Bundesliga unter Tausenden nicht Einer als homosexuell outen wollte/konnte/durfte.
Wer das verneint, kennt möglicherweise nicht diesen Archetypus Mann meiner Elterngeneration, auf den ich mich beziehe. Mein Vater hätte bei Ansicht des Interviews über Röhl in gebrochenem Deutsch gesagt: Er ist weich. Er ist schwach. Wie eine Frau. Wie wehrt er sich, wenn ihm jemand angreift? Eines Tages, er wird Depression haben.
Es hat mich stets aufrichtig gerührt, mit welcher Feindseligkeit ein bestimmter Männertypus auf Habitus-Ausreißer wie Röhl reagiert. Weil es so greifbar die eigene Unsicherheit offenbart, wenn ein Mann wie Röhl selbstbewusst Verletzbarkeit zeigt, Angriffsfläche bietet, in Interviews freimütig über Selbstzweifel und mentale Herausforderungen spricht.
„Er ist schwach. Wie wehrt er sich, wenn ihm jemand angreift?“ Es war der rhetorische signature move meines Vaters. Aus der Zeit gefallen, gerade so, als würden Menschen wie Röhl regelmäßig in Streetfight Situationen geraten oder auf dem Weg zum Edeka unwillkürlich von einem Trupp Schläger angegriffen, wie in einem Steven Seagal Film bewaffnet mit Eisenstangen und Brettern. Doch zurück zum Röhl-Interview unserer Realität:
Interviewer: Jemand hat gefragt, welches Buch Du in letzter Zeit gelesen hast und was Du weiterempfehlen würdest?
Bell Hooks ist eine feministische us-amerikanische Autorin, durch deren Werk sich die Auseinandersetzung mit Sexismus, Klassismus, Rassismus zieht. Konkret werden das Patriarchat - also unsere Männer bevorzugende Gesellschaftsordnung - und dessen Machtmechanismen behandelt, auch der Kapitalismus und weitere Strukturen.
Erich Fromm ist ein bedeutender Sozialpsychologe. Und nein, ich kann leider nicht behaupten, in dem Alter so unprätentiös wie Röhl gewesen zu sein. Ich las Fromm einzig aus dem Grund, weil ich damals meinem Date imponieren wollte, einer blonden Freiburger DFG-Schülerin meiner Jahrgangsstufe, die gerade „Haben oder Sein“ las und vor deren bildungsbürgerlichem Hintergrund ich meine einfache Herkunft mit solchen Moves überspielen wollte, während ich nachts regelmäßig erbärmlich & besoffen an ihrer Herdermer Wohnung klingelte. (Spoiler: Ich konnte nicht bei ihr landen. Spoiler II: Beste Methode seit immer: versuchen jemand zu sein, der man nicht ist) Selbst heute wäre es mir unendlich peinlich, wenn sie das läse, aber die Wahrscheinlichkeit ist überschaubar im Merlin-Röhl-Thread.
Warum das bemerkenswert ist? BL-Profis wie Röhl verdienen bereits in jungen Jahren Millionen p.a. und bewegen sich in einer hochprivilegierten Blase. Man könnte auch formulieren: Röhl muss nicht wie ich Erich Fromm lesen, um einer Frau zu imponieren. Er ist schon so attraktiv genug, durch Status, rising Stardom, Sportlerdasein, dazu bei Geburt in einen Kessel voll Persönlichkeit gefallen, ohne die wir normalsterblichen 19-Jährigen eben darauf angewiesen waren, anderweitig zu beeindrucken bzw. präziser, uns beim Versuch lächerlich zu machen.
Diese Spitzensportler befinden sich zudem - an dieser Stelle nur beschreibend, nicht wertend - weit abseits gesellschaftlicher Lebensrealität. Deren Leere & Ödnis von exklusiver Markenkleidung oder Autos gefüllt wird. Deren Sinnsuche sich in dem bald sinnbildlichen mit Blattgold überzogenen Steak kondensiert. Das ist kein Vorwurf, es ist schlicht Teil einer spezifischen Sozialisierung, die bei den meisten anderen Menschen - oft gerade den lauten, von Sozialneid getriebenen Kritikern - identisch verlaufen wäre.
Ich halte nichts davon, jungen privilegierten Menschen diese materialistischen Auswüchse vorzuwerfen, da sie persönlich nichts für diese Systeme können, deren Existenz eher ich als Konsument zu verantworten habe als ein junger Kerle, die sich halt mal eine Luxuskarre oder ein Goldsteak rauslässt, egal wie sinnentleert man das jetzt findet.
Wovon ich dagegen viel halte: Von Querschlägern wie Merlin Röhl und deren Zugewandheit gegenüber Menschen. In dessen Hirn für jeden offensichtlich etwas anders verlaufen ist, das es ihm ermöglicht, sich nonkonformistisch zu den Konventionen seines Profiumfelds zu verhalten.
Als Christian Streich gegen Ende seiner Amtszeit gefragt wurde, was er künftig an seiner Arbeit vermissen würde, nannte er die Gespräche mit Merlin Röhl. Weil dessen Reflexionsvermögen außerhalb des Fußballs so hoch sei. Das sagt alles, was man über Röhl, dessen Aufgeschlossenheit & Weltinteresse wissen muss. Klar, dass die beiden sich trotz Altersunterschied wesensnah sind.
Würde man Röhl fragen: Soll ich Dir einen Jaguar vor die Garage stellen, freie Modellwahl, ein F-Type Coupé? Einen XE? Geschenkt? Oder willst Du stattdessen einen Abend im Gespräch mit Christian Streich verbringen?, würde Röhl das Gespräch wählen. Warum? Weil ich in so einem Gespräch die Möglichkeit habe zu wachsen, mich besser kennenzulernen. Sowas in der Art, I guess. Ich muss fast lachen über dieses konsequente philosophische Anti-Konzept von Röhl:
Aber warum verzichtest Du auf das Auto, ist das kein Verlust? Röhl: „Warum verzichten andere auf das Gespräch, ist das nicht der größere Verlust?“
Was macht Röhl übrigens in seiner knapp bemessenen Freizeit? Studiert parallel zum Profifußball Bildungswissenschaften. Die 90er haben angerufen, Finke vermisst einen Spieler in seinem Studentenkader.
Ich lehne es rundheraus ab, den „Wert“ eines solchen Menschen fußballerisch zu bemessen. Aber schon Röhls Debüttor in der Bundesliga war eine Verdichtung von Sehnsüchten.
Es mag sportlich bedeutungslos gewesen sein, für mich ist es das schönste Tor der SC-Historie. Wie er in der eigenen Hälfte startend in einem Tempodribbling unwiderstehlich in einer sich schließenden Lücke zwischen Simakan und Haidara vorbeizieht. Dann, jetzt wird es wild, den Ball mit dem rechten (!) Fuß links an Nationalverteidiger Klostermann vorbeilegt/tunnelt, um ohne Ball auf der anderen Seite am Gegenspieler vorbeizugehen, und sich wieder mit dem steil geschickten Ball zu vereinen, kurz den Kopf gehoben, Orientierung, die Kugel nochmal zurechtgelegt, unerreichbarer Abschluss ins lange Eck. Was für ein Ablauf koordinierter Bewegungen.
Das war kein Tor, das war eine Verheißung. Eine Venusgeburt wie ein Gemälde von Botticelli.
Der SWR unterlegte den Treffer standesgemäß mit dem ikonischen „Ankara Messi…“ Kommentar von Joaquim Maria Puyal, dem Tor gegen Getafe, das den damals 19-jährigen Lionel Messi 2007 in einer Endgültigkeit in den Fußballolymp emporhob, sodass 17 Jahre später besondere Tore schon mit der bloßen Erwähnung des katalanischen „Ankara Messi“ geadelt werden:
https://youtu.be/LYh3einWKkI?t=113
Auch wenn er bislang weit entfernt ist von der Konstanz der Kindheitshelden wie Cardoso, Baya, Iashi. So ein Tor eines SC Spielers habe ich noch nie gesehen.
Es sind diese Momente, die mich daran zweifeln lassen, ob mir je Spielergebnisse, Tabellenplätze oder sogar Titel so viel bedeuten können. Darin bin ich manchen Fans fremd. Ein Solo wie von Röhl ist mir emotional mehr wert als jedes Resultat. Und, auch wenn es meine unbedeutende Einzelmeinung ist, mehr als irgendwelche 3 Punkte, Pokale oder beste-Auswärtsbilanz-der-Klubhistorie Serien. Dafür schaue ich Fußball. Die Schönheit des Moments in Verbindung mit einem Spieler des eigenen Vereins zu erfahren, ist für mich emotional unübertreffbar. Würde ich Fußball wegen Titeln schauen, die sich manche User hier so wünschen, hätte ich als SC Fan mein Leben lang vergeblich gewartet. Auch kann ich orchestrierter Siegerehrung und Konfettiregen nichts abgewinnen, zu affektiert.
Dagegen sind Tore wie von Röhl die Essenz des Fußballs. Die man in der Kindheit auf dem Bolzplatz nachgespielt hat. Deshalb haben wir alle ein universelles Verständnis für diese Bewegungen: Unser Gedächtnis erinnert sich daran, wie wir den Ball mit dem Fuß vorgelegt haben, im Verein an Gegnern vorbeigezogen sind und vielleicht sogar ein unmögliches Tor geschossen haben. Deshalb steckt im Fußball auch als Erwachsener so viel Nostalgie. Weil im Unterbewusstsein immer dieses Kind von früher mitkickt, das jeder einmal war.
Das ist verwandt mit den Trainern, die bei Chancen des eigenen Teams an der Seitenlinie die Kopfballbewegung oder den Schuss mitgehen als ob sie einen Phantomschmerz stillen müssen. Was soll das anderes sein als imaginierte Teilhabe; das sehnliche Miterleben einer Sache, zu der man keine Zugangsberechtigung mehr besitzt? Deshalb passt der Begriff Leidenschaft etymologisch so wunderbar zu unserem Erleben des Fußballspiels. Weil ein Leiden mitschwingt, ein Verlustschmerz.
Daher auch die latente Melancholie des Fans, weil der Fußball psychologisch immer die Erinnerung an ein früheres Leben ist. Etwas das einmal war und nicht mehr wiederkehrt. Mittelbar dürfen wir diese Magie des Anfangs nochmal nachempfinden. Laut und ekstatisch brüllen wir bei diesen Toren, aber leise flüstert die Wehmut.
Danke, Merlin Röhl. Auch wenn er nie Stammspieler war, weit entfernt davon, den SC zu prägen wie die Günters und Ginters und Grifos. Und der Verlauf seiner Karriere, wie man so sagt, in den Sternen liegt. Dieses Tor bleibt im kollektiven Gedächtnis aller SC Fans. Weil’s so schön war, noch ein letztes Mal, ankara Messi…
https://youtu.be/LYh3einWKkI?t=113
Es zählt zu den eigentümlichen Irrungen des Schicksals, dass Merlin Röhl Fußballer geworden ist. Ein junger Mann, dessen Auftreten und Körpersprache außerhalb des Fußballplatzes, dessen Sensibilität in Wort und Geist ihn wie jemanden wirken lassen, der sich hauptberuflich mit Kunst- und Literaturbewegungen des Fin de Siècle befasst. Röhl könnte auch easy als eines dieser freundlich-nachdenklichen Emo-Kids in der peer group meiner Tochter durchgehen, die sich gern ihre lockigen Haare aus dem Gesicht streichen, während sie Vorträge über Selbstfindung oder Kapitalismus halten. Aber Profifußballer?
Obwohl ich mich beruflich viel mit Datenerhebung, Analyse und Statistiken dieses Sports beschäftigt habe, galt meine Faszination schon in der Kindheit immer dem Fußball als soziokulturellem Phänomen; wie Menschen innerhalb dieses Kosmos agieren, wie sie sprechen, welche Rolle sie einnehmen. Wie der Profifußball auf verschiedenen Ebenen in die Gesellschaft hineinwirkt, ein sich im Verlauf der Jahrzehnte veränderndes Verständnis von Männlichkeit und Oberlippenbärtchen; wie Trikots von Estudiantes, Colo-Colo oder Independiente unser Modeverständnis beeinflussen, wie Einzelpersonen wie Louis van Gaal oder Giovanni Trapattoni als Ausländer nachhaltig die deutsche Sprache prägen.
Ich bilde mir ein, das Milieu gut zu kennen. Erlebte in den Redaktionen deren Protagonisten wie Lothar Matthäus, wie sie Mitte 50 mit ihrer 21-jährigen balkanstämmigen Freundin interagieren. Im Smalltalk mit den beiden erkannte man zwei Personen, die keine gemeinsame zwischenmenschliche Ebene hatten, keinerlei Gesprächsinhalte. Er, fasziniert von statistischen Auffälligkeiten der portugiesischen 1. Liga, an der ich gerade arbeitete; Sie, angeödet von allem, was mit Fußball zu tun hat.
Als Lothar auf eine Excel-Tabelle auf meinem Monitor wies, Fränkisch-Englisch jubilierend „Look, honey! How exciting!“, Sie als Antwort die Augen verdrehend „jaja okay, very interesting, can we go now?“. Obwohl jeder Anwesende unmittelbar begriff, dass es für eine fast noch Jugendliche nichts langweiligeres geben kann als Fußballstatistiken, Lothar didn't get the memo. Zwei sich selbst und einander fremde Menschen, jeder auf seine Weise gefangen in dieser raumgreifenden Leere des Profifußballs, gleichsam als finanzielle Profiteure.
Dieser kulturellen Peripherie galt mein Interesse in meinen 20er, 30er Jahren, als ich mich noch viel mit Fußball beschäftigte.
Aber noch nie, wirklich noch nie habe ich im deutschen Fußball einen wie Merlin Röhl gesehen. Auch nicht Thomas Broich, dem durch seine Lektüre von Dostojewski oder Hesse eine Intellektualität zugeschrieben wurde, eher von außen aufoktroyiert als selbst gewollt.
Röhl ist die personifizierte Antithese des Fußballers. Einer, der im (verlinkten) Interview die Beine übereinander schlägt und über Fragen sinniert, als würde er sich im nächsten Augenblick eine Baskenmütze aufziehen und eine Gauloise anstecken.
Ohne mich für die Länge zu entschuldigen, gehe ich in diesem Beitrag einmal auf Details ein, wissend, dass in einem Fußballforum bestehend zu 99% aus Männern mancher sich an feministischen usw. Inhalten stören wird. Diejenigen werden meinen Post im Röhl-Thread aber ignorieren können, zumal er ohnehin keinen Informationsgehalt hat.
https://www.ardmediathek.de/video/dein-scf/166-was-passiert-nach-dem-tod-merlin-roehl/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyNjIxMTk
Ab Minute 7:20 beginnt das gemeinte Interview mit Röhl. Die Aufgeschlossenheit seinem Gegenüber, en passant mit weicher, warmer Stimme auf metaphysische Fragen wie Liebe oder das Leben nach dem Tod antwortend. Damit macht sich ein junger Mensch angreifbar im Kosmos Profifußball als einer der letzten Bastionen distinktiver Maskulinität. In der sich in über einem halben Jahrhundert Bundesliga unter Tausenden nicht Einer als homosexuell outen wollte/konnte/durfte.
Wer das verneint, kennt möglicherweise nicht diesen Archetypus Mann meiner Elterngeneration, auf den ich mich beziehe. Mein Vater hätte bei Ansicht des Interviews über Röhl in gebrochenem Deutsch gesagt: Er ist weich. Er ist schwach. Wie eine Frau. Wie wehrt er sich, wenn ihm jemand angreift? Eines Tages, er wird Depression haben.
Es hat mich stets aufrichtig gerührt, mit welcher Feindseligkeit ein bestimmter Männertypus auf Habitus-Ausreißer wie Röhl reagiert. Weil es so greifbar die eigene Unsicherheit offenbart, wenn ein Mann wie Röhl selbstbewusst Verletzbarkeit zeigt, Angriffsfläche bietet, in Interviews freimütig über Selbstzweifel und mentale Herausforderungen spricht.
„Er ist schwach. Wie wehrt er sich, wenn ihm jemand angreift?“ Es war der rhetorische signature move meines Vaters. Aus der Zeit gefallen, gerade so, als würden Menschen wie Röhl regelmäßig in Streetfight Situationen geraten oder auf dem Weg zum Edeka unwillkürlich von einem Trupp Schläger angegriffen, wie in einem Steven Seagal Film bewaffnet mit Eisenstangen und Brettern. Doch zurück zum Röhl-Interview unserer Realität:
Interviewer: Jemand hat gefragt, welches Buch Du in letzter Zeit gelesen hast und was Du weiterempfehlen würdest?
Zitat von Merlin Röhl
Gerade lese ich „Alles über Liebe“ von Bell Hooks. Vielleicht aufbauend zur „Kunst des Liebens“ von Erich Fromm, die ich auch empfehlen würde. Zwei sehr schöne Bücher über die Liebe. Und vielleicht ein Ansatz, der jedem Einzelnen helfen kann, da hinzufinden. Für sich selber Liebe zu empfinden, oder auch für Andere.
Gerade lese ich „Alles über Liebe“ von Bell Hooks. Vielleicht aufbauend zur „Kunst des Liebens“ von Erich Fromm, die ich auch empfehlen würde. Zwei sehr schöne Bücher über die Liebe. Und vielleicht ein Ansatz, der jedem Einzelnen helfen kann, da hinzufinden. Für sich selber Liebe zu empfinden, oder auch für Andere.
Bell Hooks ist eine feministische us-amerikanische Autorin, durch deren Werk sich die Auseinandersetzung mit Sexismus, Klassismus, Rassismus zieht. Konkret werden das Patriarchat - also unsere Männer bevorzugende Gesellschaftsordnung - und dessen Machtmechanismen behandelt, auch der Kapitalismus und weitere Strukturen.
Erich Fromm ist ein bedeutender Sozialpsychologe. Und nein, ich kann leider nicht behaupten, in dem Alter so unprätentiös wie Röhl gewesen zu sein. Ich las Fromm einzig aus dem Grund, weil ich damals meinem Date imponieren wollte, einer blonden Freiburger DFG-Schülerin meiner Jahrgangsstufe, die gerade „Haben oder Sein“ las und vor deren bildungsbürgerlichem Hintergrund ich meine einfache Herkunft mit solchen Moves überspielen wollte, während ich nachts regelmäßig erbärmlich & besoffen an ihrer Herdermer Wohnung klingelte. (Spoiler: Ich konnte nicht bei ihr landen. Spoiler II: Beste Methode seit immer: versuchen jemand zu sein, der man nicht ist) Selbst heute wäre es mir unendlich peinlich, wenn sie das läse, aber die Wahrscheinlichkeit ist überschaubar im Merlin-Röhl-Thread.
Warum das bemerkenswert ist? BL-Profis wie Röhl verdienen bereits in jungen Jahren Millionen p.a. und bewegen sich in einer hochprivilegierten Blase. Man könnte auch formulieren: Röhl muss nicht wie ich Erich Fromm lesen, um einer Frau zu imponieren. Er ist schon so attraktiv genug, durch Status, rising Stardom, Sportlerdasein, dazu bei Geburt in einen Kessel voll Persönlichkeit gefallen, ohne die wir normalsterblichen 19-Jährigen eben darauf angewiesen waren, anderweitig zu beeindrucken bzw. präziser, uns beim Versuch lächerlich zu machen.
Diese Spitzensportler befinden sich zudem - an dieser Stelle nur beschreibend, nicht wertend - weit abseits gesellschaftlicher Lebensrealität. Deren Leere & Ödnis von exklusiver Markenkleidung oder Autos gefüllt wird. Deren Sinnsuche sich in dem bald sinnbildlichen mit Blattgold überzogenen Steak kondensiert. Das ist kein Vorwurf, es ist schlicht Teil einer spezifischen Sozialisierung, die bei den meisten anderen Menschen - oft gerade den lauten, von Sozialneid getriebenen Kritikern - identisch verlaufen wäre.
Ich halte nichts davon, jungen privilegierten Menschen diese materialistischen Auswüchse vorzuwerfen, da sie persönlich nichts für diese Systeme können, deren Existenz eher ich als Konsument zu verantworten habe als ein junger Kerle, die sich halt mal eine Luxuskarre oder ein Goldsteak rauslässt, egal wie sinnentleert man das jetzt findet.
Wovon ich dagegen viel halte: Von Querschlägern wie Merlin Röhl und deren Zugewandheit gegenüber Menschen. In dessen Hirn für jeden offensichtlich etwas anders verlaufen ist, das es ihm ermöglicht, sich nonkonformistisch zu den Konventionen seines Profiumfelds zu verhalten.
Als Christian Streich gegen Ende seiner Amtszeit gefragt wurde, was er künftig an seiner Arbeit vermissen würde, nannte er die Gespräche mit Merlin Röhl. Weil dessen Reflexionsvermögen außerhalb des Fußballs so hoch sei. Das sagt alles, was man über Röhl, dessen Aufgeschlossenheit & Weltinteresse wissen muss. Klar, dass die beiden sich trotz Altersunterschied wesensnah sind.
Würde man Röhl fragen: Soll ich Dir einen Jaguar vor die Garage stellen, freie Modellwahl, ein F-Type Coupé? Einen XE? Geschenkt? Oder willst Du stattdessen einen Abend im Gespräch mit Christian Streich verbringen?, würde Röhl das Gespräch wählen. Warum? Weil ich in so einem Gespräch die Möglichkeit habe zu wachsen, mich besser kennenzulernen. Sowas in der Art, I guess. Ich muss fast lachen über dieses konsequente philosophische Anti-Konzept von Röhl:
Aber warum verzichtest Du auf das Auto, ist das kein Verlust? Röhl: „Warum verzichten andere auf das Gespräch, ist das nicht der größere Verlust?“
Was macht Röhl übrigens in seiner knapp bemessenen Freizeit? Studiert parallel zum Profifußball Bildungswissenschaften. Die 90er haben angerufen, Finke vermisst einen Spieler in seinem Studentenkader.
Ich lehne es rundheraus ab, den „Wert“ eines solchen Menschen fußballerisch zu bemessen. Aber schon Röhls Debüttor in der Bundesliga war eine Verdichtung von Sehnsüchten.
Es mag sportlich bedeutungslos gewesen sein, für mich ist es das schönste Tor der SC-Historie. Wie er in der eigenen Hälfte startend in einem Tempodribbling unwiderstehlich in einer sich schließenden Lücke zwischen Simakan und Haidara vorbeizieht. Dann, jetzt wird es wild, den Ball mit dem rechten (!) Fuß links an Nationalverteidiger Klostermann vorbeilegt/tunnelt, um ohne Ball auf der anderen Seite am Gegenspieler vorbeizugehen, und sich wieder mit dem steil geschickten Ball zu vereinen, kurz den Kopf gehoben, Orientierung, die Kugel nochmal zurechtgelegt, unerreichbarer Abschluss ins lange Eck. Was für ein Ablauf koordinierter Bewegungen.
Das war kein Tor, das war eine Verheißung. Eine Venusgeburt wie ein Gemälde von Botticelli.
Der SWR unterlegte den Treffer standesgemäß mit dem ikonischen „Ankara Messi…“ Kommentar von Joaquim Maria Puyal, dem Tor gegen Getafe, das den damals 19-jährigen Lionel Messi 2007 in einer Endgültigkeit in den Fußballolymp emporhob, sodass 17 Jahre später besondere Tore schon mit der bloßen Erwähnung des katalanischen „Ankara Messi“ geadelt werden:
https://youtu.be/LYh3einWKkI?t=113
Auch wenn er bislang weit entfernt ist von der Konstanz der Kindheitshelden wie Cardoso, Baya, Iashi. So ein Tor eines SC Spielers habe ich noch nie gesehen.
Es sind diese Momente, die mich daran zweifeln lassen, ob mir je Spielergebnisse, Tabellenplätze oder sogar Titel so viel bedeuten können. Darin bin ich manchen Fans fremd. Ein Solo wie von Röhl ist mir emotional mehr wert als jedes Resultat. Und, auch wenn es meine unbedeutende Einzelmeinung ist, mehr als irgendwelche 3 Punkte, Pokale oder beste-Auswärtsbilanz-der-Klubhistorie Serien. Dafür schaue ich Fußball. Die Schönheit des Moments in Verbindung mit einem Spieler des eigenen Vereins zu erfahren, ist für mich emotional unübertreffbar. Würde ich Fußball wegen Titeln schauen, die sich manche User hier so wünschen, hätte ich als SC Fan mein Leben lang vergeblich gewartet. Auch kann ich orchestrierter Siegerehrung und Konfettiregen nichts abgewinnen, zu affektiert.
Dagegen sind Tore wie von Röhl die Essenz des Fußballs. Die man in der Kindheit auf dem Bolzplatz nachgespielt hat. Deshalb haben wir alle ein universelles Verständnis für diese Bewegungen: Unser Gedächtnis erinnert sich daran, wie wir den Ball mit dem Fuß vorgelegt haben, im Verein an Gegnern vorbeigezogen sind und vielleicht sogar ein unmögliches Tor geschossen haben. Deshalb steckt im Fußball auch als Erwachsener so viel Nostalgie. Weil im Unterbewusstsein immer dieses Kind von früher mitkickt, das jeder einmal war.
Das ist verwandt mit den Trainern, die bei Chancen des eigenen Teams an der Seitenlinie die Kopfballbewegung oder den Schuss mitgehen als ob sie einen Phantomschmerz stillen müssen. Was soll das anderes sein als imaginierte Teilhabe; das sehnliche Miterleben einer Sache, zu der man keine Zugangsberechtigung mehr besitzt? Deshalb passt der Begriff Leidenschaft etymologisch so wunderbar zu unserem Erleben des Fußballspiels. Weil ein Leiden mitschwingt, ein Verlustschmerz.
Daher auch die latente Melancholie des Fans, weil der Fußball psychologisch immer die Erinnerung an ein früheres Leben ist. Etwas das einmal war und nicht mehr wiederkehrt. Mittelbar dürfen wir diese Magie des Anfangs nochmal nachempfinden. Laut und ekstatisch brüllen wir bei diesen Toren, aber leise flüstert die Wehmut.
Danke, Merlin Röhl. Auch wenn er nie Stammspieler war, weit entfernt davon, den SC zu prägen wie die Günters und Ginters und Grifos. Und der Verlauf seiner Karriere, wie man so sagt, in den Sternen liegt. Dieses Tor bleibt im kollektiven Gedächtnis aller SC Fans. Weil’s so schön war, noch ein letztes Mal, ankara Messi…
https://youtu.be/LYh3einWKkI?t=113
02.09.2025 - 18:45 Uhr
@Zweitligameister Wow. So ein toller Beitrag. Chapeau.
02.09.2025 - 22:09 Uhr
Eine der schönsten Hommagen/Erinnerungen an einem Fußballer die ich je gelesen habe. Mir gefällt es außerordentlich gut. Ich wünsche dir, dass Merlin Röhl das (irgendwann) liest.
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