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Marseille unter Doping-Verdacht
Die Spieler von "OM" feiern nach dem Champions-League-Finale 1993
Paris - Rudi Völler soll außer sich vor Wut gewesen sein.
Er fand nur noch Worte in deutscher Sprache, obgleich sein Patron Bernard Tapie alles verstand, nur kein Deutsch.
Kurz vor dem Champions-League-Finale Olympique Marseille gegen AC Mailand, kurz vor dem Prestige-Duell Bernard Tapie gegen Silvio Berlusconi am 26. Mai 1993 in München, soll Tapie von seinen Spielern verlangt haben, sich in Reih und Glied aufzustellen, um Spritzen in Empfang zu nehmen.
Nur Völler hatte angeblich getobt und sich geweigert.
Eydelie sorgt für Eklat
Der Sportchef von Bayer Leverkusen sagte der "Bild am Sonntag": "Es stimmt, dass ich mich mit Tapie häufig angelegt habe. Aber was damals vor dem Finale passierte, weiß ich wirklich nicht mehr."
Aber sein damaliger Teamkollege Jean-Jaques Eydelie will sich besser erinnern können, er hat keine Hemmungen mehr, auch wenn er als Nestbeschmutzer abgestempelt wird.
Er spricht im "L'Equipe"-Magazine offen über die Praktiken, die vor 13 Jahren üblich gewesen sein sollen.
Völler außer sich
"Am Tag des Endspiels hat Bernard Tapie gefordert, dass alle Spieler mit einem verbotenen Produkt gespritzt werden müssen. Dann standen wir alle in einer Schlange, nur einer hat es nicht akzeptiert: Rudi Völler", erklärte Eydelie.
"Wütend hat er die Verantwortlichen von Marseille angeschrien und in deutscher Sprache geschimpft. Er war wirklich außer sich und konnte sich kaum beruhigen."
Die Südfranzosen gewannen im Übrigen im Olympiastadion mit 1:0 - Tapie hatte das Duell gegen Berlusconi für sich entschieden.
Manipuliertes Mineralwasser
Der damalige Olympique-Boss soll sich nicht einmal geschämt haben, sogar die Gegner mit gewissen Mittelchen negativ zu beeinflussen.
"Als ZSKA Moskau am 17. März 1993 gegen uns spielen musste, haben die alle Durchfall gehabt. Die konnten gar nicht mehr spielen. Heute frage ich mich, ob ich darauf stolz sein kann. Eigentlich hätte ich wegen meiner Qualitäten gewinnen wollen, und nicht, weil der Präsident alles manipuliert hat", berichtete Eydelie.
Tapie soll den Auftrag gegeben haben, das Mineralwasser der Moskowiter zu manipulieren. Das Spiel gegen ZSKA, das damals in Berlin ausgetragen wurde, gewann "OM" 6:0.
Tapie droht mit Klage
Tapie war jahrelang eine der schillerndsten, aber auch umstrittensten Figuren im französischen Fußball. Er wurde verurteilt, erhielt Freigang, war Theaterschauspieler und Filmdarsteller.
Tapie will Eydelie nun wegen Verleumdung verklagen: "Eydelie, der keine Arbeit hat, will meine ehemaligen Spieler und die anderen Funktionsträger anschwärzen, um an Geld zu kommen. Ich werde ihn wegen Verleumdung verklagen."
Der Ex-"OM"-Boss dementierte die Doping-Anschuldigungen: "Die Dopingproben nach dem Spiel in München waren negativ. Massendoping ist im Sport unmöglich."
Schwere Vorwürfe von Cascarino
Bereits im Dezember 2003 hatte der ehemalige irische Nationalspieler Tony Cascarino schwere Vorwürfe gegen Tapie erhoben.
In einer "Times"-Kolumne berichtete er, dass den Spielern in seiner Zeit von 1994 bis 1996 auf Anordnung von Tapie regelmäßig unbekannte Substanzen verabreicht wurden. Cascarino sprach von systematischem Doping bei "OM".
"Er feierte regelrechte Aufnahmezeremonien"
"Ich habe in meiner Zeit in Marseille mehrfach eine Substanz gespritzt bekommen. Ich klammere mich an den Hoffnungsschimmer, dass es legal war, aber zu 99 Prozent war es das nicht", erklärte der einstige Stürmer und WM-Teilnehmer von 1990 und 1994.
Tapie, den der Ire als "komplett verrückt" bezeichnete, habe das Spritzen regelrecht zelebriert: "Er feierte regelrechte Aufnahmezeremonien, wenn ein neuer Spieler seine erste Spritze bekam."
Der exzentrische Tapie bestritt die Vorwürfe auch damals umgehend.