Graudenz-Gala gegen sprachlosen AFC – „Gegner so bespielt, dass ihm schwindelig wurde“
„Ich denke mal, die ganze Liga wird jetzt auf uns schauen und sich fragen, was da denn passiert ist“, staunte selbst Lucas Irmler nicht schlecht. Der Linksverteidiger der TuS Dassendorf war jedoch einer der Hauptprotagonisten, der auf die Frage(n) die sportliche Antwort lieferte. Denn rein sportlich zeigten die „Wendelwegler“ im Oberliga-Spitzenspiel gegen Altona 93 nicht nur eine wahre Machtdemonstration (alle Highlights im LIVE-Ticker zum Nachlesen), sondern führten den Regionalliga-Absteiger sogar derart vor, dass von einem Klassenunterschied die Rede sein konnte. „Damit haben wir nicht gerechnet. Aber diese drei Punkte schmecken extrem gut“, strahlte Irmler übers ganze Gesicht.
So ausgelassen die Stimmung auf der einen Seite war, so ernüchtert, fast schon sprachlos, war man auf der anderen Seite: „Nach so einem Spiel fehlen einem in allererster Linie die Worte“, suchte Altona-Coach Jan-Philipp Rose nach Erklärungen – und sorgte anschließend mit einer Äußerung für den prompten Konter von TuS-Trainer Oliver Zapel: „Ich glaube, dass die Tore nicht so rausgespielt waren, dass sie uns hergespielt haben. Das waren mal wieder viele individuelle Fehler von uns. Und die müssen wir einfach abstellen“, befand Rose.
"Überrascht, dass man bei einem 6:0 offensichtlich nur von Fehlern gelebt hat"
Aussagen, bei denen Zapel nur mit dem Kopf schütteln konnte: „Erstmal bin ich ein bisschen überrascht, dass man bei einem 6:0 offensichtlich nur von Fehlern gelebt hat, die der Gegner gemacht hat. Ich fand, dass wir den Gegner so bespielt haben, dass ihm schwindelig wurde. Besonders in der ersten Viertelstunde ist er überhaupt nicht zum Luft holen gekommen. Und ich fand auch, dass das Ergebnis fast noch zu niedrig ausgefallen ist angesichts der Großchancen, die wir hatten. Deswegen ist es immer eine Sache, wie man damit umgeht. Man muss auch verlieren können“, entbrannte daraufhin ein kleiner Zwist zwischen beiden Übungsleitern.

TuS-Trainer Oliver Zapel konterte Roses Worte vehement. Foto: noveski.com
"Haben alles andere als das geglaubt, dass das so 'einfach' läuft"
Dabei waren die 90 Minuten am Wendelweg vor 525 Zuschauern derart einseitig, dass es eigentlich gar keine zwei Meinungen geben konnte. „Wir sind natürlich super in die Partie reingekommen“, sprach Irmler auf den Blitzstart seiner Dassendorfer an. „Wir haben alles andere als das geglaubt, dass das so ‚einfach‘ läuft“, gestand er – und fügte an: „Wir haben Altona super analysiert. Es ist genau das eingetreten, was wir in den Videoanalysen gesehen haben. Und wir haben das komplett umgesetzt. Jeder hat füreinander gekämpft. Und am Ende haben wir auch in der Höhe hochverdient gewonnen.“
Dassendorf rollt "wie eine Maschine los"
Daran hatte auch der 30-jährige Linksfuß entscheidenden Anteil. Aber der Reihe nach. Den Anfang machte ein Missverständnis zwischen Gianluca Przondziono und Abdul Rauf. Der herausragende Andy Appiah war deutlich wacher, spritzte dazwischen, eroberte den Ball, legte einen Temposprint hin und bediente Fabian Graudenz, dessen Abschluss zwar noch geblockt werden konnte, aber links im Strafraum vor die Füße von Manuel Farrona Pulido fiel. Dieser überwand AFC-Keeper Tom Müller beinahe von der Grundlinie zur frühen Führung (6.). „Wir dachten, dass Altona nach der Niederlage gegen Sasel mit Wut im Bauch auf uns zumarschiert. Zwar sind wir davon ausgegangen, dass sie erstmal etwas defensiver agieren und uns kommen lassen werden“, verriet Irmler. Aber spätestens nach dem 1:0 sei seine Equipe „wie eine Maschine losgerollt“, und über den Regionalliga-Absteiger hinweggefegt – aber wie!
TuS presst Altona "kaputt"
Eigentlich ging man von „einem Spitzenspiel“ aus, „weil beide um den Aufstieg kämpfen“, so Irmler. Stattdessen war die Partie nach nicht mal 15 Minuten entschieden. „Ich glaube nicht unbedingt, dass die davon ausgegangen sind, dass wir so pressen und bei jeder Aktion direkt vorne draufgehen, so dass die eigentlich nur noch lange Bälle schlagen oder durch das Pressing Fehler machen konnten“, zwang die TuS den Gast immer wieder zu frühen Ballverlusten – und überraschte den AFC komplett. So auch beim 2:0, als Irmler einen Einwurf von der Mittellinie geistesgegenwärtig blitzschnell in den Lauf von Graudenz ausführte. Dieser war im zweiten Anlauf von halblinks erfolgreich (11.). Wenig später ging Obinna Iloka mit einer ganz anderen Entschlossenheit ins Kopfballduell mit dem Ex-Dassendorfer Michael Kobert – und behielt dementsprechend die Oberhand. Und dann kam Altona nicht mehr hinterher. Irmler leitete ein, bekam die Kugel im „No-Look-Stil“ von Farrona Pulido zurück und sah in der Mitte den ehemaligen Altonaer Max Düwel – 3:0 (12.)!

Zeigte eine bockstarke Vorstellung: Lucas Irmler. Foto: noveski.com
"Wir lassen nicht nach"
Zapels lautstarke Forderung von der Seitenlinie: „Packt weiter zu! Wir lassen nicht nach!“ Und der AFC wusste auch in der Folge nicht, wo hinten und vorne ist. Während einer Trinkpause musste Rose sein Team wachrütteln. Es half nur nichts. Einen Irmler-Einwurf verlängerte der indisponierte Rauf auf den Kopf von Graudenz – 4:0 (29.). Und selbst Zapel konnte es kaum glauben, dass der 34-Jährige einen Kopfballtreffer erzielte. „Heute hat uns alles in die Karten gespielt“, konstatierte Irmler – und meinte damit auch die Gelb-Rote Karte gegen Minou Tsimba-Eggers kurz vor der Pause wegen Meckerns (45.). Unterdessen hatte Rose bereits doppelt gewechselt und Rauf sowie Niklas Jovanovic erlöst (34.).
Auch Dassendorf zu zehnt - aber mit dem halben Dutzend
Die zweiten 45 Minuten waren angesichts des Ergebnisses ein reines Schaulaufen der Hausherren – mit weiteren Chancen und Toren. Altona-Schlussmann Müller servierte Graudenz den Hattrick auf dem Silbertablett (66.), ehe Irmler den eingewechselten Caner Bektas auf halblinks starten sah, Anton Knappe nach dem flachen Querpass noch geblockt werden konnte, aber Jens Wollesen aus der Drehung das halbe Dutzend vollmachte – 6:0 (86.)! Zu diesem Zeitpunkt waren auch haushoch überlegenen Dassendorfer nur noch zu zehnt auf dem Platz, nachdem der eingewechselte Maksym Bochan (kickte in der Jugend für Shakhtar Donetsk und zuletzt für den 1. FC Kaiserslautern II) in 26 Minuten Spielzeit ebenfalls mit der Ampelkarte vorzeitig wieder zum Duschen geschickt wurde (80.).
"Riesenrespekt vor dieser Fußball-Mannschaft"
Nichtsdestotrotz: „Ich muss meiner Mannschaft einen Riesenrespekt zollen, dass sie sich von der ersten Minute an den Plan gehalten hat, den wir erarbeitet haben. Wir haben uns die ganze Woche akribisch auf den Gegner vorbereitet, weil wir genau wussten, was uns erwartet – und genau so haben wir es auch umgesetzt. Von daher kann ich nur sagen: Riesenrespekt vor dieser Fußball-Mannschaft, wie sie heute aufgetreten ist“, lobte Zapel seine TuS. Und auch der vom SV Eichede an den Wendelweg gewechselte Irmler sprang in eine ganz ähnliche Kerbe: „Jeder dachte, dass 1:1 zum Auftakt gegen den ETSV Hamburg wäre ein kleiner Dämpfer gewesen. Aber man muss auch sagen, dass das eine super Truppe war. Gegen Buchholz haben wir spielerisch richtig gut agiert. Und heute war überragend, eine super geile Mannschaftsleistung! Ich bin mega stolz auf die Truppe.“
"Ein Ausrufezeichen an uns selbst"
So sehr, dass sein Trainer im Mannschaftskreis von einem großen „Ausrufezeichen“ sprach, was er hinterher auf Nachfrage nicht an die Konkurrenz gerichtet empfand, sondern: „Das ist in erster Linie ein Ausrufezeichen an uns selbst. Ich finde, dass wir uns schon in Buchholz so ein bisschen freigeschwommen haben von dem Druck, den wir uns vielleicht auch selbst gemacht haben. Heute war die Fortsetzung der letzten beiden Spiele, die wir absolviert haben. Insofern ist das ein Ausrufezeichen für die Arbeit, die wir jeden Tag absolvieren.“
Die komplette Pressekonferenz, bei der es zwischen beiden Trainern verbal zur Sache ging, im Video:
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