Meiendorf zerlegt Rahlstedt im Derby – „Mir ein ‚sehr gut‘ zu entlocken, bedeutet schon was“
Impulsiv aufbrausend am Spielfeldrand – aber ansonsten eher sparsam mit seinen Emotionen: „Ich habe die Mannschaft heute das erste Mal gelobt“, sind überschwängliche Gefühlsausbrüche bei Marcell Voß doch eher rar gesät. Das Lob, das ihm sein Team nach dem Derby-Kantersieg gegen den Rahlstedter SC (alle Highlights im LIVE-Ticker) entlockte: „Ein ‚sehr gut‘ – das gab es die gesamte Bezirksliga-Saison nicht aus meinem Mund zu hören. Nicht mal nach der errungenen Meisterschaft. Da habe ich nur gesagt, dass die Mannschaft sich das verdient hat“, verriet der Chefcoach des Meiendorfer SV – und fügte an: „Mir ein ‚sehr gut‘ zu entlocken, das bedeutet schon was“, fiel Voß für seine Verhältnisse offenbar beinahe aus der Haut.
Während die „Derbysieger“-Gesänge auf der einen Seite nicht zu überhören waren, wurde beim Rahlstedter SC eifrig Tacheles geredet. „Es ging einfach darum, dass hier eine Mannschaft dieses Derby angenommen hat – und die andere nicht“, brachte es der neue RSC-Cheftrainer Peter Iwosa schlichtweg auf den Punkt – und legte nach: „Die Grundtugenden haben einfach gefehlt. Wille, Zweikampfführung, Einsatzbereitschaft, dass einer für den anderen da ist – und ich könnte noch viel mehr aufzählen. Denn letztendlich hat es an allem gefehlt“, stellte der einstige Meiendorfer Mittelfeld-Regisseur ernüchtert fest.

Jordi Bremer staubt zum 3:0 für Meiendorf ab. Foto: noveski.com
"In 80 Minuten in allen Belangen viel zu wenig"
Saisonstart – und das zugleich mit einem Derby: Was gibt es Schöneres für einen Fußballer? Dachte sich auch Voß und war hocherfreut über die Ansetzung. Gleiches galt offenbar auch für seine Aufsteiger. Nicht aber für den in der Landesliga längst etablierten und stets zur Spitzengruppe zählenden Rahlstedter SC. „Die ersten zehn Minuten waren vielleicht noch okay. Da war es ein offener Schlagabtausch und wir waren ein, zwei Mal gefährlich. Aber nach dem Ergebnis ist es müßig, darüber zu philosophieren, was passiert wäre, wenn wir da ein Tor gemacht hätten. Denn in den anderen 80 Minuten war das viel zu wenig in allen Belangen. Mir haben auch die Emotionen gefehlt“, so Iwosa.

Nach seinem Torerfolg dreht Jordi Bremer jubelnd ab. Foto: noveski.com
Pinkawas Führungstor sehenswert herausgespielt
Stattdessen spielten die Mannen von der B75 den Gast vor 250 Zuschauern in der Meiendorfer Flens-Arena phasenweise daher. Der Führungstreffer – ein Beispiel für die spielerische Klasse, die in der Meiendorfer Mannschaft schlummert. Neuzugang Henrik Petersen, der dem Meister der Bezirksliga Ost mit seiner Erfahrung die notwendige Ruhe und Sicherheit gibt, spielte den perfekt getimten langen Ball auf den halblinks gestarteten Sebastian Wien, der im Sechzehner den Schlenker nach innen machte und in den Rückraum legte, wo Leon Baulecke (unfreiwillig?) passieren ließ und Justin Pinkawa cool aus 17 Metern mit der rechten Innenseite ins linke untere Toreck vollstreckte – 1:0 (22.)!

Freistehend bugsiert Ismaila Ceesay das Runde (irgendwie) ins Eckige - 4:0. Foto: noveski.com
"Wussten, wo wir ansetzen wollen und können"
„Ich habe mir Rahlstedt in der Vorbereitung zweimal angeguckt. Wir wussten, wo wir ansetzen wollen und können“, gab Voß seiner Equipe eine klare Marschroute vor. Und der Plan ging voll auf. Nach einem herausragenden Steckpass des starken Baulecke zog der zuvor im Abschluss ein ums andere Mal unglückliche Ismaila Ceesay mit einem ungemeinen Tempoüberschuss nahezu spielend an Kevin Lauppe vorbei und erhöhte auf 2:0 (37.), womit Rahlstedt zur Pause noch sehr gut bedient war. Doch auch nach Wiederanpfiff war keine Besserung in Sicht. Ganz im Gegenteil. Wieder war es Wien, der mit einem langgezogenen Halbfeld-Freistoß die Hintermannschaft des RSC, die komplett pennte, in Verlegenheit brachte. Der Ex-Rahlstedter Yannick Hess köpfte von der Grundlinie quer und Jordi Bremer hatte im „Fünfer“ keine große Mühe mehr (48.).

Doppelpacker Ismaila Ceesay im Jubelrausch. Foto: noveski.com
Wien kaum zu halten
Spielend leicht schüttelte der emsige Wien nach einer guten Stunde auf seiner linken Seite den indisponierten Leandro Nowak ab und brachte das Leder scharf vors Tor, wo Ceesay gänzlich unbedrängt den Doppelpack schnürte (61.). Und der ehemalige Saseler sowie Billstedter „Blondschopf“ Wien war es auch, der ein weiteres Mal das fragile Gebilde der Schützlinge von der Scharbeutzer Straße düpierte: Finn Liebmann eroberte deutlich engagierter und gieriger als Nick Gerken den Ball, zog davon und war von Lauppe nur per Foulspiel zu stoppen. Den fälligen Freistoß beinahe vom linken Strafraumeck zog Wien durch die löchrige Mauer hindurch ins linke Toreck – 5:0 (78.)!

Ein bedienter Joel Szillat (Mi.) auf der Bank - und ein nicht minder erschrockener Peter Iwosa an der Seitenlinie des RSC. Foto: noveski.com
"Als Aufsteiger müssen wir mehr machen"
Kein Wunder also, dass selbst Voß anschließend lobende Worte über die Lippen kamen: „Die Jungs haben heute echt richtig gut gespielt. Das war schon sehr reif und erwachsen“, konstatierte er nach einer anstrengenden Vorbereitung. „Wir haben acht Wochen lang wirklich hart gearbeitet. Die Jungs hatten ein ekliges Laufprogramm zu absolvieren. Als Aufsteiger müssen wir schlichtweg mehr machen“, erklärte er sein Pensum – und bekam eine eindrucksvolle Antwort auf die „schwierig einzuschätzende“ Ausgangslage vor dem ersten Spiel. „Ich wusste, dass heute was drin ist. Das haben wir den Jungs auch gesagt – und das haben sie auf dem Platz präsentiert.“

Kevin Laupppe mit Armeinsatz gegen Finn Liebmann. Viele forderten Rot für Halten als letzter Mann. Foto: noveski.com
"Definitiv erschrocken über die Leistung"
Relativ wenig bis gar nichts hat hingegen der Gast aus Rahlstedt aufs Parkett gebracht. Und so machte Iwosa auch Nachfrage auch keinen Hehl daraus: „Erschrocken bin ich definitiv über die Leistung, weil ich die Jungs so eigentlich auch nicht kenne. Wir hatten ganz zu Beginn der Vorbereitung keine so gute Phase. Aber danach haben wir uns Stück für Stück eine Menge erarbeitet, was auch schon sehr vernünftig aussah. Aber das war heute ein richtiger Dämpfer und haut uns wieder einige Schritte zurück“, gestand er. „Eigentlich dachte ich, dass wir schon ein paar Schritte weiter sind. Das haben wir so nicht erwartet. Der Dämpfer war schon doll, das hätte ich uns gerne erspart.“ Aber: „Jetzt sind wir hoffentlich wach und wissen, worum es in dieser Liga geht. Wir haben gar keinen Gegner zu unterschätzen, sondern müssen uns das alles hart erarbeiten in jedem Spiel – egal gegen wen.“

Sebastian Wien war's egal. Er überwand den bemitleidenswerten und schuldlosen Joris Mohr im Rahlstedter Tor per Freistoß - 5:0. Foto: noveski.com
"Gar keine Gedankengänge in Richtung oben"
Ganz hart erarbeitet hat sich der MSV den Derbysieg, der „in der Summe auch in der Höhe komplett in Ordnung geht, weil wir auch nicht nachgelassen und einen gewissen Reifeschritt von der Bezirks- zur Landesliga gemacht haben. Trotz dessen ist es nur ein Spiel. Ein Derbysieg. Drei Punkte, die auf der Habenseite sind. Nicht mehr und nicht weniger. Von daher gilt es, das nicht überzubewerten. Das ist nur eine Momentaufnahme. Und wir haben uns weiter auf uns zu konzentrieren“, beschwichtige Voß prompt – und wollte sich zu keiner überambitionierten Zielsetzung hinreißen lassen: „Wir bleiben komplett bei uns. Da gibt es gar keine Gedankengänge in Richtung oben. Für uns heißt es, erstmal anzukommen. Aber das macht schon Spaß, zu sehen, wie die Spieler reifen und mehr und mehr vorangehen“, hat sich der Meiendorfer SV beeindruckend in der Landesliga zurückgemeldet.

Der bärenstarke Sebastian Wien zelebriert seinen Freistoßtreffer mit dem Anhang. Foto: noveski.com
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